Grundlegende Prämissen der ARUNA-Arbeit

Während wir langsam auf 40 Jahre praktischer Arbeit mit Menschen zusteuern, haben Regina und ich zuletzt mit viel Dankbarkeit darüber reflektiert, wie sich unser gemeinsamer Weg entwickelt hat und wie viel wir dabei von Anbeginn an lernen, heilen und an andere weitergeben durften. Als besonders großes Glück betrachten wir den Umstand, dass wir uns kontinuierlich von so vielen herausragenden Menschen begleitet wussten – sowohl von Therapeut*innen, als auch spirituellen Meister*innen – sodass wir über die Jahre die „ARUNA-Arbeit“ entwickeln konnten: einen eigenständigen unverwechselbaren Arbeitsstil, der gleichermaßen in der Psychologie, als auch in der Spiritualität verwurzelt ist. Nachdem wir uns ständig weiterentwickeln wächst auch unsere Arbeit zwangsläufig mit uns mit. Aus unserer Perspektive hören Lernen, Erkenntnis und Erweiterung nie auf, deswegen sind wir voller Neugier, wo uns die gemeinsame Reise noch hinführen wird.

Wir möchten dennoch den Anlass nutzen, um einige Grund-Prämissen unserer Arbeit zu skizzieren, die sich im Lauf der Jahre herauskristallisiert haben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist eine Momentaufnahme – lasst uns schauen, welche Themen sich in dieser Phase unserer Arbeit als „grundlegend“ auf dieser Liste manifestieren wollen:

 

  • Die Aufmerksamkeit von außen nach innen richten
    Wir leben in einer Welt voller Ablenkungen und Zerstreuungen, von äußeren Pflichten und To-Do-Listen. Es ist leicht, den Kontakt zur inneren Dimension des eigenen Erlebens zu verlieren und damit zu den eigenen Sinnen, Gefühlen und Gedanken. Unsere Aufmerksamkeit kann sein wie ein verrückter Affe, der von einem Ast zum nächsten springt, und von diesem und jenem gefangen genommen wird.
    Deswegen geht es darum, bewussten Innenkontakt zu kultivieren und zu lernen, seine Aufmerksamkeit so zu stabilisieren, dass wir mit unserer Erfahrung tatsächlich präsent sein und in ihr verweilen können.

 

  • Offenes Erkunden, Annehmen von dem, was ist
    „Der Tantriker sucht nichts außerhalb seiner selbst“ (Daniel Odier), daher ist es seine/ihre beständige Praxis, vollkommen anzunehmen, was er/sie im Augenblick ist. Damit ist gemeint, dass wir nicht gegen unsere momentane Erfahrung ankämpfen (weil sie uns nicht behagt), sie nicht unterdrücken (weil wir sie nicht haben wollen), sie nicht in eine bestimmte Richtung drängen (weil wir bestimmte Vorstellungen haben), sie nicht bewerten oder ablehnen (weil sie nicht in unseren Moralkodex passt). Wir möchten lernen, mit ALLEM zu sein, was in unserer Erfahrung auftaucht, mit dem Abscheulichen wie mit dem Erhabenen. Dabei können wir uns nicht mit anderen vergleichen, sondern brauchen den Mut, uns den Lektionen unseres Lebens persönlich zu stellen. Wir möchten dabei auf nichts Menschliches verzichten und uns voll ins Leben stürzen, aber mit einer wachsenden, sich einlassenden Bewusstheit. Wir möchten unser Leben aus ganzem Herzen als Geschenk annehmen – als eine Möglichkeit, unsere volle Menschlichkeit zu manifestieren. Im Tantra ist unsere Erkundung eine zutiefst sinnliche: wir gehen in direkten Kontakt mit den Dingen. „Ohne eine wirkliche Verbundenheit mit den Dingen öffnet sich das Herz nicht“, sagt die Tantra-Meisterin Lalita Devi.

 

  • Ein berührbares Herz
    Eine wichtige Rolle beim offenen Erkunden spielt unser Herzzentrum, weil es uns mit den Qualitäten der Akzeptanz, der Empathie und der Liebe verbindet. Wir brauchen ein weiches, berührbares, mutiges Herz, um uns für die Erfahrung von Weite zu öffnen. Unser Herz kann so weit werden, dass alles in ihm Platz hat. Besonders das Annehmen von leidvollen Aspekten, seelischen Schmerzen oder psychologischen Schwierigkeiten öffnet unser Herz für Tiefe und Mitgefühl.
    Unser berührbares mutiges Herz erlaubt uns mit dem zu sein, was ist. In Tuchfühlung zu sein mit dem, was ist, setzt eine Bewegung in Gang und führt uns zum nächsten Moment. Die Lektion dieses Augenblicks eröffnet uns die nächste, darauf aufbauende Lektion. So ergibt sich aus dem offenen Erkunden eine Art innerer Führung, der wir folgen können und die uns stets das präsentiert, was jetzt für uns ansteht.

 

  • Die Bedeutung des Körpers
    Im ursprünglichen Tantrismus gilt der Körper als Gefäß des Göttlichen. Wer seinen Körper kennt, so heißt es, kenne das ganze Universum. Doch die meisten heutigen Menschen leben viel mehr in ihrem Geist, als in ihrem Körper. So geht es zunächst um eine ausgewogenere Balance zwischen Körper und Geist, sodass unsere Erfahrungen nicht nur geistig, sondern ebenso körperlich verwurzelt und gut durchblutet sind. Unser Körper muss eingestimmt werden, wie ein Musikinstrument, heißt es im Tantra, damit er in der Lage ist, mit dem Leben mitzuschwingen. Deswegen ist es ein fundamentaler Aspekt der ARUNA-Arbeit, den Körper wieder durchlässiger zu machen – sowohl für den ungehinderten Fluss vitaler Energien, als auch für das Empfangen und Aufnehmen subtiler spiritueller Energien.

 

  • Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität
    Erotik ist ein fundamentaler Aspekt des Lebens. Sie ist ein Teil der Schöpfung, der menschlichen Natur und die wohl umfassendste Möglichkeit des Menschen, sich körperlich auszudrücken. Deswegen bedeutet „Ganzheit“ oder „Integration menschlicher Potenziale“ für uns immer auch Integration der Sexualität und des sinnlichen Erlebens in den Gesamtzusammenhang des Lebens. In tantrischer Sicht wird die Welt erst durch den ekstatischen Tanz von Shakti mit Shiva lebendig, und das Gewahrsein von Shiva/Shakti offenbart uns erst das erotische Wesen der Schöpfung. Wenn wir Bewusstheit in unsere Sexualität bringen, können wir uns mit diesem „großen Tanz“ wiederverbinden. Indem wir lernen, tief zu atmen; unseren Körper durchlässig und unser Herz offen zu halten, kann unsere Sexualität zu einer Huldigung an die gesamte Existenz werden, die von derselben Lebendigkeit durchdrungen ist, wie wir selbst. Unser Lehrer Hameed Ali (A.H.Almaas) sagt: Sexualität ist ein Teil unserer grundlegenden Natur. Sie ist die wahre Integration unserer Körper und Genitalien. Sie ist freie und konfliktlose Bewußtheit im Becken. Sie ist unser Sein und unsere Essenz, wenn sie im Becken fließen und die Genitalien erfüllen darf. In der Sexualität erleben wir uns als Lust, als Freude, als Schönheit und als Wert.“

 

  • Super-Ego versus moralische Haltung aus Bewusstheit
    Jeder Mensch wird durch die Umgebung, in der er als Kind aufwächst, geprägt. Um zu überleben und unsere Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Zuwendung zu erfüllen, passen wir uns an die gegebenen Bedingungen an, auch wenn diese einschränkend oder dysfunktional sind. Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich unsere Persönlichkeit – ein Set aus automatischen Verhaltensweisen, einem eingeschränkten Selbstbild und bestimmten Erwartungen an der Welt.
    Inneres Wachstum bedeutet, über die bisherigen Grenzen unserer Persönlichkeit hinauszuwachsen. Doch bei jedem Schritt ins Neuland meldet sich eine innere Instanz, die uns von innen her attackiert, verunsichert oder kontrolliert – unser Super-Ego. Es handelt sich dabei um jene innere Instanz, die auch der „innere Kritiker“ oder „innere Richter“ genannt wird; eine Art innerer Stimme, die alle verinnerlichten Regeln, Gesetze und moralischen Grenzen abbildet, denen wir jemals in unserem Leben ausgesetzt waren. Meldet sich das Super-Ego zu Wort, fällt man aus der direkten Erfahrung des Augenblicks und fragt sich unwillkürlich: Bin ich ok? Mache ich es richtig? Was stimmt nicht mit mir?
    Doch Tantra ist ein Erfahrungsweg jenseits von Dogma, Glauben oder Moral. Wir möchten die Dinge selbst erforschen, in einer intimen erfahrungsorientierten Erkundung und unsere eigenen Schlüsse daraus ziehen. Dabei müssen wir über die Richtlinien der Moral (und damit unseres Super-Ego) hinausgehen und den Mut mitbringen, gegebenenfalls auch Gruppenmeinungen hinter uns zu lassen. Eine moralische Haltung im tantrischen Sinn entwickelt sich nicht aus der Einhaltung von Regeln, sondern entsteht auf natürliche Weise, wenn unser Bewusstsein für die spirituelle und transzendente Ebene empfänglich wird. Wenn wir den Wert und die Schönheit des Lebens in all seinen Erscheinungsformen und die Verbundenheit alles Lebendigen erkannt haben, brauchen wir keine Verhaltensregeln von außen. Unsere Erkenntnis wird sich in dem manifestieren, was wir tun.

 

  • Der heilende Raum
    Jede Gruppe stellt einen Container dar, in dem transformative Prozesse möglich sind. Die Qualität des Containers hängt davon ab, wie viel Vertrauen zwischen allen beteiligten Menschen entstehen kann und wie sehr sich diese im Rahmen der Gruppe gehalten fühlen. Es ist unsere Aufgabe als Gruppenleiter, alles zu tun, was möglich ist, um diese vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen und zu halten. Wenn das gelingt, was meistens der Fall ist, entsteht ein Raum, in dem Teilnehmer*innen sich eingeladen fühlen, sich zu öffnen, sich ohne Masken zu zeigen und aus freien Stücken und ohne Druck von außen, Neues auszuprobieren. Die freie Entscheidung des Einzelnen, wie weit man gehen möchte oder was man von sich teilen möchte, hat dabei oberste Priorität. Als Leiter nehmen wir eine unterstützende, bestärkende und wohlwollende Position ein und verkörpern die Qualitäten der Aufrichtigkeit, Wahrheit und liebevollen Freundlichkeit. Wir dienen diesem Raum und vertrauen darauf, dass alles, was geschehen kann und soll, sich wie von selbst, auf seine Weise, in diesem heilenden Raum entfalten wird. Im besten Fall entsteht eine „Gruppen-Perle“ – eine Atmosphäre, von der jeder sich genährt und getragen fühlen kann.

 

  • Das Leben ist die spirituelle Praxis
    Veränderung beginnt damit, dass wir tiefe direkte Erfahrungen machen und Kontakt zu neuen, bisher unzugänglichen Qualitäten bekommen. Wir erfahren z.B. im Rahmen von Seminaren intensive Liebe, große Weite, vitale Stärke. In der Ridhwan-Schule nennen wir solche Erfahrungen, die uns unverhofft widerfahren und die flüchtiger Natur sind „states of being“. Etwas geschieht, wir erfahren einen bestimmten Zustand, aber nach kurzer Zeit verblasst er wieder und wir wissen nicht genau, auf welche Weise wir ihn wiederfinden könnten. Im Unterschied dazu sind „stations of being“ Qualitäten, die wir so weit integriert haben, dass sie uns immer zugänglich sind, wenn wir sie brauchen. Erster Schritt ist also die innere Erfahrung. Der zweite, schwierigere Schritt ist die Integration ins tägliche Leben. Was hilft bei der Integration? Das Anwenden von allem, was wir verstanden haben, in unserem Alltag – und seien es auch noch so kleine Dinge. Sich als Mensch voll einlassen auf das Alltagsleben auf der Erde. Eine eigene regelmäßige Praxis aufbauen, die wir täglich ausführen: Meditation, Yoga, Bewegung. Das Leben, sagt man im Tantra, ist die eigentliche Praxis. Es präsentiert uns alles, was wir brauchen, um Präsenz, Bewusstheit und Verbundenheit zu üben. Deswegen ist es uns wichtig, das Erkenntnisse nicht auf den Seminarraum beschränkt bleiben, sondern im eigenen Leben, mit den nahen Menschen, im jeweiligen Umfeld wirklich umgesetzt werden.