Sex, Liebe, Verbundenheit – sexuell wachsen als Mensch

Sexualität als Trieb

Wir werden mit Genitalien und einem sexuellen Trieb geboren, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir damit auch automatisch Bescheid wüssten, wie wir auf körperlicher Ebene „Liebe machen“ können. Wenn wir unsere Sexualität nicht weiterentwickeln, bleibt unser Erleben oft auf die bloße körperliche Funktion begrenzt – eine Abfolge physischer und hormoneller Vorgänge, mit dem hauptsächlichen Ziel, sexuelle Erregung zu erleben und in einem Orgasmus zu entladen. Wenn hauptsächlich die zweckgerichtete genitale Mechanik im Mittelpunkt steht, dann geht es um Performance, Funktionieren, selbstbezogene Lust, schnelle Höhepunkte.

Es kann tatsächlich verlockend sein, sich Sex als rein körperlichen Vorgang vorzustellen. Denn in dieser Vorstellung müssen wir uns nicht mit schwierigen Gefühlen, komplexen Persönlichkeiten oder unerwarteten Reaktionen beschäftigen. Wir könnten einfach Sex haben, ohne Bedingungen oder Konsequenzen und uns „sexuell befreit“ fühlen. Die potenzielle Störung in Form eines anderen Menschen mit eigenen Bedürfnissen, denken wir uns in diesem Bild einfach weg. Dann herrscht das reine Lustprinzip, bei dem der Partner oder die Partnerin als Person nicht einbezogen und jede Art der gefühlsmäßigen Beziehung vermieden wird.

Solange unser Bild von sexueller Begegnung auf diese Weise eindimensional bleibt, werden wir in unserer persönlichen sexuellen Erfahrung nicht das finden, was uns wirklich erfüllt. Wir werden uns entweder besessen, oder unzufrieden fühlen; oder resigniert, oder verwirrt – und bisweilen vielleicht sogar alles auf einmal. Jegliche isolierte Lustbefriedigung hält nur kurz an und sucht immer wieder neue Reize, weil sie nicht in ein ganzheitliches, sinnhaftes Erleben eingebettet ist. Sie kann leicht in ein süchtiges Verhalten münden.

Für Sex, der einfach nur Sex ist, genügen die unteren drei Chakren. Dann ist Sexualität ein biologischer Antrieb des Körpers, dem wir zum Zweck der Arterhaltung und Selbstbefriedigung folgen. Wir sehen dann oft im Partner (oder der Partnerin) ein bloßes „Sexualobjekt“ – reduzieren also die andere Person zu einem Ding, mit dem etwas geschieht, oder getan wird. Mit den Worten des amerikanischen Sexualtherapeuten David Schnarch kann das sinngemäß so weit gehen, dass wir unser eigenes pornographisches Kopfkino inszenieren, während wir den Körper einer anderen Person benutzen.

Sex, Liebe, Intimität

Es liegt uns fern, diese Dynamik aus moralischen Gründen zu verurteilen. Wir verstehen sie eher als Ausdruck einer verarmten Liebes- und Beziehungsfähigkeit. Und fragen uns: wie könnte eine Sexualität aussehen, an der neben dem Körper auch die Seele beteiligt ist? Gibt es das: Sex mit Seele? Und wenn ja, wie kommen wir dorthin? Denn eines ist klar: wenn wir an diesem Punkt stehenbleiben, lernen wir unsere Sexualität nur auf diese sehr begrenzte Weise kennen.

Die Suche nach einem umfassenderen Erleben unserer Sexualität führt uns zwangsläufig zu den Themen und Herausforderungen des vierten Chakras, des Herzzentrums. Und irgendwann wird uns klar: wir können nicht in das Reich von Eros vordringen, wenn unsere Sexualität von der Liebe abgekoppelt bleibt. Unser Herz muss offen sein; wir müssen in der Lage sein, nicht nur körperlich anwesend, sondern gleichzeitig fühlend präsent und berührbar zu sein.

Liebe nährt die Sehnsucht, die einengenden Grenzen unserer Ego-Identität zu überschreiten und durchlässig zu werden für etwas außerhalb von uns selbst. Sie stillt unser Bedürfnis nach Kommunikation, Schmelzen, Hingabe und Austausch.

Liebe bringt im menschlichen Kontakt das Herz ins Spiel und fügt der Lust das süße Erlebnis einer Intimität hinzu, die immer dann entsteht, wenn Menschen sich fühlend verbinden. „I feel you feeling me“, so definiert der spirituelle Lehrer Thomas Hübl den kleinsten Baustein der Intimität. Ich fühle Dich und gleichzeitig fühle ich, dass Du mich fühlst. Intimität meint also nicht nur das körperliche Erleben, sondern gleichzeitig auch die geteilte Welt der Gefühle und Empfindungen.

Eros

C.G.Jung hat an einer Stelle kommentiert: „Die Leute glauben, dass Eros dasselbe wäre wie Sex, aber das stimmt überhaupt nicht. Eros ist Verbundenheit.“ Diese Meinung deckt sich mit der tantrischen Praxis, in der es um die Verbundenheit „mit allem“ geht. Im tantrischen Sinne bedeutet Verbundenheit, dass wir in der Lage sind, mit der Welt in all ihren Formen mitzuschwingen. Wir möchten mit der Quelle des Seins in Kontakt sein, die unaufhörlich sprudelt und alles Lebendige durchdringt. Unser Körper möchte vibrieren wie ein Musikinstrument, wenn das Leben wie ein kreativer Musikant unsere Saiten bespielt.

Die alten Griechen verstanden unter dem Begriff „Eros“ etwas ähnliches, nämlich die magnetische Kraft, die das gesamte Universum zusammenhält, und sahen menschliche Liebe als eine Möglichkeit, sich mit dieser höheren Kraft zu verbinden.

Ein verbundener Mensch kann in seiner Sexualität also nicht nur sexuelle Befriedigung erleben – Erregung und Lust miteingeschlossen – sondern fühlt sich gleichzeitig mit einer Welt verbunden, die zusammenhält und mit einem Leben voller Schönheit, das von der Liebe angetrieben wird. Der Philosoph Thomas Moore drückt das so aus: „Liebemachen ist ein Ritual, das die Göttin des Sex einlädt, anwesend zu sein…und alles, was zwischen den beteiligten Menschen abläuft, zielt darauf ab, diese Göttin wachzurufen und ist von ihrem Geist inspiriert und durchwirkt. Ohne die Anwesenheit der Göttin wird der Sex mechanisch.“

Die Magie der Verbundenheit

Erfüllung in der Sexualität resultiert aus der Magie dieser Verbundenheit – zu sich selbst und zur Welt. Deswegen nähern wir uns dem Thema am ARUNA-Institut nicht allein durch körperliche Übungen zur Verbesserung der sexuellen Performance. Wir verstehen Sex nicht als einen isolierten, mechanisch-körperlichen Vorgang, sondern als komplexes Geschehen, das neben Körper- und Atembewusstsein auch die Gefühle, die Gedanken, unsere Fähigkeit zur Imagination, unsere Suche nach Lebenssinn und, last but not least, die Prägung durch alle bisherigen sexuellen Erfahrungen und den momentanen Stand unserer individuellen Liebes- und Beziehungsfähigkeit umfasst.

Auch wenn wir alles anwenden, was heutzutage im Westen „tantrisch“ genannt wird – bestimmte Atemtechniken, besondere Stellungen, oder ausgefeilte technische Raffinessen – ohne Liebe bleibt es doch einfach nur Sex. Das Reich von Eros öffnet sich erst, wenn wir uns ganz exponieren und lernen, uns vollständig hinzugeben. Im ursprünglichen tantrischen Sinn geht es darum, das gepanzerte Herz wieder weich zu machen und für die Erfahrung der Weite und Räumlichkeit zu öffnen – nicht nur in der Sexualität, sondern ganz grundlegend und umfassend in allen Bereichen unseres Lebens. Wir möchten uns voll einlassen, hier und jetzt, auf allen Ebenen bewusst und aufmerksam.

In der Sexualität gibt es für einen Schüler des Tantra bei allem, was er tut, eine wichtige Frage, die im Hintergrund mitlaufen sollte: „Entsteht durch das, was ich tue, mehr Raum und mehr Liebe?“

Für uns am ARUNA-Institut ist das eine Kernfrage. Deshalb ist unsere gesamte Arbeit darauf ausgerichtet, an der Erweiterung dieses Resonanzraumes – der letztendlich der unendliche Raum des Herzens ist – zu arbeiten und ihn wieder ins Leben (und damit auch in die Sexualität) zu integrieren.

Echte Verbundenheit mit dem Leben, Berührbarkeit im Herzen, Durchlässigkeit im Körper – alles das sind Früchte eines Prozesses, der sich ein Leben lang immer weiter entfalten kann, wenn wir uns wirklich – nicht verbissen, aber beständig – um Entwicklung bemühen.

Wir sind darauf ausgerichtet, Menschen in diesem Prozess zu unterstützen und zu einem bewussten und selbstbestimmten Leben zu ermächtigen.
Wir freuen uns, wenn Du bei einer unserer Veranstaltungen mit dabei bist.